08.02.2021

Hölderlin-Gedenken (1) | Straßennamen

Seit dem 18. und 19. Jahrhundert benennt man Straßen systematisch und vergibt flächendeckend Hausnummern. Bis dato hat die Orientierung in der Stadt über die Häuser funktioniert, die vielerorts Namen trugen oder über ansässige Handwerke zuordenbar waren. In gezielt geplanten Wohngebieten ließen sich die Straßennamen jedoch nicht mehr von lokalen Anhaltspunkten ableiten, weshalb man sich gerne Baum- oder Vogelarten sowie erinnerungswürdiger Komponisten und Dichter bediente. In Folge dessen wird die Benennung von Straßen, Plätzen und Schulen ein wirksames Instrument für die symbolische Wertschätzung kulturhistorisch wichtiger Persönlichkeiten.

Unter den Dichtern als Namenspatron für städtische Infrastruktur steht Hölderlin mit über 600 Benennungen in ganz Deutschland auf Platz 8 – und damit hinter seinen schwäbischen Dichterkollegen Uhland (> 1.000) und Mörike (~660).
Bemerkenswerter als die schlichte Zahl der Benennungen ist indes deren Verteilung: Hölderlinstraßen gibt es signifikant häufiger im Südwesten Deutschlands, während die Benennungen nach anderen Dichtern gleichmäßiger auftreten. Bis 1945 wurden lediglich knapp 14 % aller Hölderlinstraßen, -wege und -plätze eingerichtet. Über drei Viertel der heute existierenden Hölderlinstraßen etc. benannte man erst im Zuge des Wiederaufbaus und der Ausweisung neuer Wohngebiete im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts. Diese Entwicklung deckt sich keineswegs mit derjenigen bei anderen Dichterstraßen (Schillerstraßen bspw. erhielten ihre Namen größtenteils im Kaiserreich) und widerspricht der Erwartung, dass sich gerade die NS-Propaganda bei ihrer regen Ortsbenennungs-Politik überproportional des Namens Hölderlins bedient hätte. Dagegen kam Hölderlin oft zum Einsatz, als 1945 einige nationalsozialistisch benannte Straßen rasch umgewidmet werden mussten – als hätte es die Klassiker und deren Fehldeutung in den vorangegangenen zwölf Jahren nicht gegeben.

Der Beitrag basiert auf dem Aufsatz ›So kam Hölderlin unter die Deutschen‹ von Prof. Dr. Thomas Knubben in der Zeitschrift Schwäbische Heimat (2020/1 Jan.–März).

→ Hölderlin-Gedenken: (2) Briefmarken | (3) frühe Denkmäler | (4) neuere Denkmäler | (5) Zugnummern | (6) Schützenscheibe | (7) Münzen | (8) Gebäude und Quartiere

Oft werden wie hier in Stuttgart ganze Quartiere mit Dichtern benannt. | Der Hölderlinweg in Esslingen gehört zu den wenigen Hölderlinbenennungen, die durch die Nationalsozialisten ausgeführt wurde (1933).

Oft werden wie hier in Stuttgart ganze Quartiere mit Dichtern benannt. | Der Hölderlinweg in Esslingen gehört zu den wenigen Hölderlinbenennungen, die durch die Nationalsozialisten ausgeführt wurde (1933).

Die älteste Hölderlinstraße befindet sich wenig überraschend in Tübingen, sie wurde als erste 1870 nach dem Dichter benannt. | Als Endhaltestelle der Stadtbahnlinie (er)fährt Hölderlin in Stuttgart im Minutentakt erinnernde Wertschätzung.

Die älteste Hölderlinstraße befindet sich wenig überraschend in Tübingen, sie wurde als erste 1870 nach dem Dichter benannt. | Als Endhaltestelle der Stadtbahnlinie (er)fährt Hölderlin in Stuttgart im Minutentakt erinnernde Wertschätzung.

Auch Schulen werden gern mit Geistesgrößen benannt (hier Stuttgart und Heidelberg).

Auch Schulen werden gern mit Geistesgrößen benannt (hier Stuttgart und Heidelberg).