22.03.2021

Gunther Keusen über Kepler und Hölderlin

Vor vierzig Jahren sah ich zum ersten Mal die Keplersche Zeichnung via eccentrica = Revolution. Der Begriff Revolution kommt ursprünglich aus der Astronomie und bezeichnet den Umlauf der Himmelskörper. Revolution = Zurückwälzung. (Zurückwälzen, wohin zurück?)
Der Student Hölderlin war – wie seine Stubengenossen Hegel und Schelling – ein Sympathisant der französischen Revolution. Kepler war auch mal Student im Tübinger Stift, hochverehrt und vom 19-jährigen dichtenden Stiftler Hölderlin gefeiert in der Ode ›Keppler‹ (1789). Der Astronom war eine große Berühmtheit des Stifts. In der Bibliothek konnte Hölderlin Keplers Werk über die bewunderungswürdigen Gesetze der Bahnen der Planeten und der Proportionen der Himmelskörper studieren. »Daher hat Hölderlin den Begriff der exzentrischen Bahn«, behauptet Pierre Bertaux nach Recherchen in der Stiftsbibliothek in: ›Hölderlin und die Französische Revolution‹ (1969, S. 156–159).

»Wir durchlaufen alle eine exzentrische Bahn,
und es ist kein anderer Weg möglich von der
Kindheit zur Vollendung.«
›Hyperion‹, Die vorletzte Fassung.

Und in der ersten Strophe von Hölderlins Ode ›Lebenslauf‹ heißt es:
»Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,
Doch es kehret umsonst nicht
Unser Bogen, woher er kommt.«

Wobei die Methapher des Bogens an Heraklit, Fragmente erinnert (hier in der Übertragung von Hermann Diehls, 1957)
»48. Des Bogens Name also ist Leben, sein Werk aber Tod.«

Gunther Keusen: Konstellationen. Gedicht ist Gesetz in Hölderlin ›Lebenslauf‹.
Mit einem Vorwort von Gisela Trahms und einem Nachwort von Eugen Gomringer,
Verlag Kleinheinrich, Münster 2020. Leinengebunden mit einem Schutzumschlag und in Pergamin eingeschlagen, Fadenheftung, 29,5 x 24,5 cm, 68 Seiten, € 30.

Franco Cavalieri hat die Zeichnung von Johannes Kepler (aus: Pierre Bertaux, s. o.) perfekt auf die Wand von Gunther Keusens Salon-Studio übertragen. Foto: Gunther Keusen

Franco Cavalieri hat die Zeichnung von Johannes Kepler (aus: Pierre Bertaux, s. o.) perfekt auf die Wand von Gunther Keusens Salon-Studio übertragen. Foto: Gunther Keusen

Johannes Kepler, via eccentrica (1596, Skizze); Carlo Cavalieri, Wandzeichnung 2021. Links daneben zwischen Fenster und Wandzeichnung eines von Keusens Holunderbildern (1994). Foto: Bozica Babic.

Johannes Kepler, via eccentrica (1596, Skizze); Carlo Cavalieri, Wandzeichnung 2021. Links daneben zwischen Fenster und Wandzeichnung eines von Keusens Holunderbildern (1994). Foto: Bozica Babic.

›Hölderlin‹ bedeutet ›kleiner Holunder‹. Deshalb macht Keusen den Holunder zum Medium und malt mit dem Saft der gekochten Beeren immer wieder Holunderbilder, ›Holunderelle‹.

›Hölderlin‹ bedeutet ›kleiner Holunder‹. Deshalb macht Keusen den Holunder zum Medium und malt mit dem Saft der gekochten Beeren immer wieder Holunderbilder, ›Holunderelle‹.