05.03.2020

Wandern ›In Hölderlins Landschaft‹

Wer jenseits der Lektüre nach praktischeren Verfahren sucht, sich Hölderlin anzunähern, ist vielleicht mit einer Wanderung ganz gut beraten. Dabei muss man es nicht ins Extrem treiben und wie Thomas Knubben Hölderlin bis nach Bordeaux folgen – es reicht auch schon Nürtingen. Dort gibt es eine 14 km lange Wanderroute ›In Hölderlins Landschaft‹.

In einem sehr gelungenen Prospekt wird die Wegbeschreibung immer wieder mit geologischen sowie kulturgeschichtlichen Erläuterungen verknüpft. Der eigentliche Clou ist jedoch, dass zusätzlich Gedichte von Hölderlin, die in der Region entstanden, mit abgedruckt sind. So breitet sich unter den Wanderschuhen und vor der Nase landschaftlich das aus, was man als lyrisches Kondensat in der Hand hält – mehr Unmittelbarkeit geht nun wirklich nicht ... oder mit Martin Walser gesprochen: »das Gedicht als Baedeker« (Walser: Hölderlin auf dem Dachboden).

Mit der größten Selbstverständlichkeit spaziert man unentwegt durch eine Landschaft, die von Literaturgeschichte regelrecht durchtränkt ist: Am Ulrichstein steht man mit Hölderlin und seinem Stiefbruder im ›Winkel von Hahrdt‹, im gleichnamigen Dorf sitzt der ›Pfeifer von Hardt‹ aus Wilhelm Hauffs Roman ›Lichtenstein‹ und im Nürtinger Stadtteil Oberensingen wähnt man sich fälschlicherweise an Hölderlins Konfirmationskirche, weil der Text im Prospekt stark verdichtet ist. Nebenan steht das Wohnhaus des Pfarrers Glück, der Eichendorffs ›In einem kühlen Grunde‹ vertonte. Dazwischen wechselt die Landschaft beständig, Schillerhöhe, Bauernwald und die Aussicht von der Oberensinger Höhe mischen sich unter kulturgeschichtliche Plätze wie die alten Sandsteingruben und die Ausgrabungen eines römischen Gutshofs.

Die im Prospekt angedachten drei Stunden weiten sich dabei schnell auf einen ganzen Tag aus, denn die Route empfiehlt mehrere Abzweige. Insbesondere Abzweig II ins Naturdenkmal Föllbachschlucht lohnt sich und benötigt eine gute Stunde. Zudem kommt man an der Sammlung Domnick vorbei (abstrakte Kunst in moderner Architektur bei schöner Aussicht), die sonntags zwischen 14 und 17 Uhr besichtigt werden kann. Vielleicht ist es diese Überfülle an Eindrücken, durch die man sich am Ende des Tages von der Höhe herabblickend in Meran vermutet ... und dann leicht irritiert in Nürtingen wiederfindet.

Robert Kühne
Projektassistent Hölderlin2020

Weitere Erkundungen auf den Spuren des Dichters finden sich auf Hölderlin-Reisen.

Nürtingen – fast ein bisschen wie Meran... © Robert Kühne

Nürtingen – fast ein bisschen wie Meran... © Robert Kühne

Der Ulrichstein. © Robert Kühne

Der Ulrichstein. © Robert Kühne

Im Dorf Hardt sitzt Hauffs ›Pfeifer von Hardt‹. © Robert Kühne

Im Dorf Hardt sitzt Hauffs ›Pfeifer von Hardt‹. © Robert Kühne