09.04.2020

Hölderlin im Schlafrock?

Ein humoristisches Zeugnis von den Freundschaften, die Hölderlin während seines Theologiestudiums im Tübinger Stift (1788–1793) schloss, gibt diese kleine Karikatur, die einen Stiftler in geblümten Schlafrock beim Dichten zeigt. Rudolph Magenau fügte die Zeichnung einer Epistel bei, die er im November 1790 dem Freund Ludwig Neuffer sandte. Darin berichtet er auch von Hölderlins nächtlichen Aktivitäten im ›Ochsenstall‹, dem gemeinsam geteilten Schlafsaal im Stift:

»Nur hie u da erschallt der Ochsenstall von Holzens Cenaurähnlichem Poeten Schritt, wenn allen fals aufs Wörtchen : Fluchtal : der schwere Reim ihm noch gebricht. Auch sieht ihn oft der welke Wöhrd [gemeint ist das Neckarufer] in deinem Schlafrok durch des hohen Stalles nidre Fenster Pforte bliken, gen Himmel schaut er, ob ihm nicht des Gottes Salbung möchte hernider fließen.«

Florian Mittelhammer
Fachabteilung Kunst, Kultur und internationale Beziehungen der Universitätsstadt Tübingen

© Württembergische Landesbibliothek Stuttgart

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