16.04.2020

Hölderlins Aussicht

Schon der erste Vers von Hölderlins Turmgedicht räumt mit dem Klischee eines im dunklen Turm eingesperrten, ›umnachteten‹ Dichters auf: Statt von verschlossenen Türen und engen Wänden ist hier vom »offne[n] Tag« und »hell[en] Bildern« die Rede. Der Blick öffnet sich in die Welt hinaus, die Hölderlin durch die fünf Fenster seines Tübinger Turmzimmers ganz unmittelbar vor Augen stand.

Sandra Potsch
Museumsleiterin des Hölderlinturms in Tübingen

– – –

Aussicht.

Der offne Tag ist Menschen hell mit Bildern,
Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,
Noch eh des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget,
Und Schimmer sanft den Klang des Tages mildern.
Offt scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen,
Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen,
Die prächtige Natur erheitert seine Tage
Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.

mit Unterthänigkeit
Scardanelli.

Den 24ten März 1671.

© DLA Marbach

© DLA Marbach