06.05.2020

Spuren historischer Hölderlinleser*innen im Marbacher Literaturmuseum der Moderne: Sophie Scholl

Am 19. März, einen Tag vor Hölderlins 250. Geburtsag, hätte die Ausstellung ›Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie‹ von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet werden sollen. Zur Eindämmung von Covid-19 haben wir die Eröffnung abgesagt, die Marbacher Literaturmuseen sind geschlossen. Intensiv haben wir in den letzten Woche an digitalen Erweiterungen gearbeitet, die zur Zeit die Ausstellung ersetzen und in den nächsten Monaten noch ausgebaut werden: Zahlreiche Videoclips geben auf unserem Youtube-Kanal Einblick, Hanns Zischler hat fast 60 Gedichte für uns eingelesen. Und: Wir haben Zeit noch mehr zu lesen und finden immer wieder neue Spuren historischer Hölderlin-Leser.

So schrieb am 28. Oktober 1942 Sophie Scholl aus Ulm ihrem Verlobten Fritz Hartnagel nach Stalingrad:
»Ich wollte, ich könnte Dir in dem Streit, den Du oft in Gesprächen mit Deinen Offizieren führen mußt, mit dem, was ich weiß und bin, zur Seite stehen. Weißt Du, daß sich nicht ihr ganzes Inneres gegen dieses Naturgesetz, den Sieg des Mächtigeren über das Schwache, aufbäumt, scheint mir schrecklich und entweder entartet oder ganz und gar unempfindsam. Schon ein Kind ist mit Grauen erfüllt, wenn es den Sieg eines mächtigen Tieres über ein schwaches, und dessen Untergang miterleben muß. [...] Der Anblick eines unschuldigen kleinen Mäuschens in der Falle hat mir immer Tränen in die Nase steigen lassen, und daß ich darüber froh wurde wieder, und jetzt noch froh bin, kann ich bloß einem Vergessen verdanken, dass aber doch keine Lösung ist. [Frage Deine Offiziere], ob ein Sieg des Fleisches od. der brutalen Gewalt in der Welt des Geistes nicht eine Schmach sei, ob in dieser Welt nicht andre Gesetze gelten als in jener des Fleisches, ob vielleicht ein kranker Erfinder, oder um von der zweifelhaften Technik loszukommen, ein kranker Dichter oder Philosoph in jener Welt des Geistes nicht mehr wögen, mehr Kraft hätten als ein gehirnarmer Athlet, ein Hölderlin mehr als ein Schmeling. (Diese Nebeneinanderstellung möge Hölderlin verzeihen, sie tut mir selbst weh.)«

Sophie und ihr Bruder Hans wurden am 16. Februar 1943 verhaftet und wenige Tage später nach einem Schnellprozess hingerichtet, weil sie ein Flugblatt verteilt hatten, das zum Widerstand aufrief: »Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir!« Fritz Hartnagel, der mit einem der letzten Flugzeuge aus Stalingrad ausfliegen konnte, lag zu dieser Zeit mit Erfrierungen in einem polnischen Lazarett und schrieb ihr nichtsahnend am Tag ihrer Hinrichtung: »Wieder hat mich heute ein Gruß erreicht, von dem mir als Erstes einige zarte, lilarote Blütenblätter in den Schoß fielen. Und wie ich dann Deinen Brief in Händen halte, und dazu die Sonne schon ganz warm durchs Fenster hereinstrahlt, muß da nicht der Frühling bei mir einkehren? Oder zumindest eine Vorahnung und eine starke Hoffnung auf seine Nähe?«

Prof. Dr. Heike Gfrereis
Leiterin der Museen am DLA Marbach

Der Katalog zur Ausstellung kann im Online-Shop des DLA bestellt werden.

Mehr zur Ausstellung finden Sie auf den Social-Media-Kanälen der Marbacher Literaturmuseen: Facebook, Twitter und Instagram.

Weitere Online-Angebote der Hölderlin-Museen und -Ausstellungen finden Sie im Menüpunkt Virtuelle Ausstellungen.

Einblick in die Ausstellung ›Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie‹

Einblick in die Ausstellung ›Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie‹