12.05.2020

Was 1770 noch so geschah (1) | James Cook in Australien

Im Geschichtsunterricht spielt es keine große Rolle, das Jahr, in dem Hölderlin, Beethoven, Hegel (und Friedrich Wilhelm III. von Preußen) geboren wurden. Was geschah in Politik, Gesellschaft und im Geistesleben, was bewegte den Alltag der Menschen zu dieser Zeit? In loser Folge beleuchtet diese Serie in den nächsten Monaten verschiedenste Kontexte aus dem Jahr 1770. 

Der 20. März 1770 in James Cooks Reisejournal ist unspektakulär: Knappe Bemerkungen zur mehrmals einsetzenden Windstille und zum sich mittags erhebenden stürmischen Wetter. Es ist ein Tag wie viele auf seiner ersten Weltumsegelung. Kein Land in Sicht.

Vier Wochen darauf sind Vögel am Himmel zu sehen. Daraus schließt Cook, nicht mehr allzu weit draußen auf dem Ozean zu sein; wohl Van Diemenʼs Land, das heutige Tasmanien. Der nächste Morgen bringt Gewissheit: Entlang der endlich erreichten Küste segelt man noch zehn Tage nordwärts, ehe man in einer Bucht an Land geht. Nur ist der Boden kein tasmanischer, zu weit nördlich befindet man sich: Cook und seine Mannschaft sind die ersten Europäer, die einen Fuß auf den australischen Kontinent setzen. 

Die 250 Jahre zurückliegende Entdeckung Australiens sollte also am 28. April dieses Jahres gefeiert werden. Den Feierlichkeiten ergeht es wie Festen überall auf der Welt, sie werden abgeblasen oder verschoben. Die Reaktionen in Australien sind gemischt, das Bedauern mehr oder minder groß: Es gibt die eine, die europäische Perspektive; es gibt eine andere, jene der Aborigines.

Bis zum 6. Mai 1770 ankert das britische Schiff in der Botany Bay. Immer wieder geht man an Land, nimmt es für die englische Krone in Besitz. An der Küste weht die Britische Flagge; in der Nähe der gefundenen Wasserstelle sind Namen des Schiffs und das aktuelle Datum in Baumstämme geschnitzt. Für die dort bereits lebende Bevölkerung markiert das den Beginn einer langen und grausamen Unterdrückung, mit Folgen bis in diese Tage.

Was gelangt davon nach Europa? Auf seiner zweiten Weltreise wird Cook vom jungen Wissenschaftler Georg Forster begleitet. Dessen Bericht ›Reise um die Welt‹ steht am Beginn der modernen Reiseliteratur und löst einen regelrechten Südsee-Hype aus; bis heute prägt er das Bild vom tropischen Paradies. Es ist ein Kuriosum der Geschichte, dass man in Europa um 1780 genauer über geografische Einzelheiten Tahitis Bescheid weiß als über das weit näher gelegene Griechenland.

Vermutlich waren Hölderlin die heroisch-verklärenden, europäisch geprägten Südseeschilderungen seiner Zeitgenossen bekannt. An ihrer Stelle studierte er allerdings mit akribischer Sorgfalt griechische Orte und Wege, um seinen Romanhelden Hyperion dort hinzuschicken. Mit der Recherche bleibt der Dichter durchaus im Geist seiner Zeit: Die wenigsten europäischen Gelehrten gelangen über einen eng begrenzten Radius hinaus – Reisen sind beschwerlich und teuer –, trotzdem sind sie bestens über die Welt im Bilde. Dafür sorgen zahlreiche Reiseberichte und Übersetzungen, auf Auslandsnachrichten spezialisierte Zeitschriften und der Weltkunde gewidmete Bibliotheksabteilungen – unter ihnen auch jene Bücher, die Cooks Reisen festhalten.

Melina Wießler
Wissenschaftliche Volontärin der Arbeitsstelle für literarische Museen am Deutschen Literaturarchiv Marbach

→ Was 1770 noch so geschah | (2) Pockenepidemie in Kopenhagen | (3) Rheinbegradiger Tulla wurde geboren | (4) Gründung der Hohen Karlsschule in Stuttgart



Der Maler William Hodges, der Cook und Forster begleitete, änderte seine ursprüngliche kriegerische Darstellung der einheimischen Bevölkerung Tahitis, um den Eindruck paradiesischer Zustände beizubehalten (Ölgemälde, 1776).

Der Maler William Hodges, der Cook und Forster begleitete, änderte seine ursprüngliche kriegerische Darstellung der einheimischen Bevölkerung Tahitis, um den Eindruck paradiesischer Zustände beizubehalten (Ölgemälde, 1776).

James Cook, Ölgemälde von Nathaniel Dance-Holland, 1775.

James Cook, Ölgemälde von Nathaniel Dance-Holland, 1775.

Nach Cooks Vermessungsdaten angefertigte Karte der Botany Bay, wo die Besatzung der Endeavour 1770 an Land ging; die Karte erschien in einem Reisebericht im Jahr 1773 bei Strahan & Cadell in London.

Nach Cooks Vermessungsdaten angefertigte Karte der Botany Bay, wo die Besatzung der Endeavour 1770 an Land ging; die Karte erschien in einem Reisebericht im Jahr 1773 bei Strahan & Cadell in London.