16.06.2020

Was 1770 noch so geschah (2) | Pockenepidemie, Aufklärung und Impfung in Kopenhagen

Im Geschichtsunterricht spielt es keine große Rolle, das Jahr, in dem Hölderlin, Beethoven, Hegel (und Friedrich Wilhelm III. von Preußen) geboren wurden. Was geschah in Politik, Gesellschaft und im Geistesleben, was bewegte den Alltag der Menschen zu dieser Zeit? In loser Folge beleuchtet diese Serie verschiedenste Kontexte aus dem Jahr 1770. 

Die Corona-Pandemie prägt derzeit unseren Alltag – im 18. Jahrhundert waren es die wiederkehrenden Pockenepidemien. Den damaligen Berechnungen zufolge erkrankten ⅚ der Bevölkerung, wovon etwa 400.000 Menschen jährlich allein in Westeuropa starben. Auch Hölderlins Mitjubilar Beethoven war pockennarbig.

In Kopenhagen erkrankte bereits im Jahr 1759 der damalige Monarch Friedrich V., der aber genas. Daraufhin widmete Klopstock seinem Mäzen die Ode ›Die Genesung des Königs‹. Rund zehn Jahre später kam es in Dänemark zu einer schweren Pockenepidemie, der allein in Kopenhagen mehr als 1.200 Kinder zum Opfer fielen.

Zur dieser Zeit war der deutsche Arzt und Aufklärer Johann Friedrich Struensee Leibarzt und enger Vertrauter Königs Christian VII. Struensee regierte in den Jahren 1770/71 de facto das Land, nachdem ihm der psychisch kranke König immer mehr Entscheidungsgewalt übertragen hatte. Neben seinen zahlreichen aufklärerischen Reformen (z. B. Pressefreiheit, Reduzierung der Landesarmee, Abschaffung der Folter, Verbot des Sklavenhandels und Ausbau des Gesundheitswesens), die Dänemark zum fortschrittlichsten Staat seiner Zeit machten, führte Struensee im Jahr 1770 die Pockenimpfung ein. Er ließ eine Impfanstalt außerhalb der Stadt errichten, in der Kinder aller Bevölkerungsschichten inokuliert wurden. Dort blieben sie im Anschluss vierzehn Tage unter Quarantäne. Im Mai 1770 impfte Struensee auf Wunsch der Königin den Kronprinzen. Struensee entmachtete seinen Konkurrenten und Klopstocks Freund, den deutschen Diplomaten und dänischen Minister Johann Hartwig Ernst Graf von Bernstorff, woraufhin beide den dänischen Hof verließen. 1772 wurde Struensee, der eine Liebesbeziehung zur Königin Caroline Mathilde unterhielt, selbst gestürzt, inhaftiert und hingerichtet.

Während Klopstocks und Struensees Beziehung von gegenseitiger Abneigung geprägt war, hatte ersterer großen Einfluss auf Hölderlins (Jugend-)Werk. Mit Struensee verband Hölderlin u. a. die Rezeption der Leibnizschen Philosophie und der französischen Aufklärer Rousseau und Helvétius. Ebenso spielte Krankheit – geistig wie leiblich – bei beiden eine große Rolle. Irrtümer und Aberglaube über Krankheiten mit Hautausschlägen waren weitverbreitet, so diagnostizierte der Mediziner Autenrieth in Tübingen bei Hölderlin Manie infolge von verdrängter Krätze.

In Anbetracht der aktuellen Situation und sich daraus ergebender Impfdebatten sei zum Ende auf den dritten im Bunde des Geburtsjahres – Hegel – verwiesen: Jener schrieb 1820 im Zusatz zu § 239 seiner Rechtsphilosophie, dass trotz der Rechte und Freiheit der Eltern bezüglich der Kindererziehung, »[…] die Gesellschaft ein Recht [hat], nach ihren geprüften Ansichten hierbei zu verfahren, die Eltern zu zwingen, ihre Kinder in die Schule zu schicken, ihnen die Pocken impfen zu lassen u.s.w.«.

Ursula Beata Baur
Wissenschaftliche Hilfskraft der Arbeitsstelle für literarische Museen am Deutschen Literaturarchiv Marbach

2020 ist das Deutsch-Dänische Kulturelle Freundschaftsjahr
→ Was 1770 noch so geschah | (1) James Cook in Australien | (3) Rheinbegradiger Tulla wurde geboren

 

Pockenimpfung | Radierung von Johann Friedrich Bolt (1769–1837) nach einer Zeichnung von Johann David Schubert (1761–1822), 1807 © Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Pockenimpfung | Radierung von Johann Friedrich Bolt (1769–1837) nach einer Zeichnung von Johann David Schubert (1761–1822), 1807 © Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Johann Friedrich Struensee, Ölgemälde von Jens Juel (1745–1802), 1771 © Bomann-Museum Celle / Stadt Celle

Johann Friedrich Struensee, Ölgemälde von Jens Juel (1745–1802), 1771 © Bomann-Museum Celle / Stadt Celle

Struensee strebt nach der Königswürde. Kupferstich von Johanna Dorothea Philipp, geb. Sysang (1729–1791), 1772 © Bomann-Museum Celle / Stadt Celle

Struensee strebt nach der Königswürde. Kupferstich von Johanna Dorothea Philipp, geb. Sysang (1729–1791), 1772 © Bomann-Museum Celle / Stadt Celle