11.08.2020

Das Gesicht hinter Hölderlins Gesicht

Er ist da, lebendig und aufmerksam, und doch nicht ganz zu fassen: Es ist ein freundlicher, zugewandter Blick, der auf den Betrachtenden ruht. Das Haar fällt locker, zart, der Kragen ist üppig und offen, die Jacke verliert sich im dunklen Braun des Hintergrunds. Hölderlins Schwester Heinrike bekundet kritisch: »[A]uch nach der guten Großmutter Beurtheilung« fehle dem Bild »viel zur Aehnlichkeit«. Aus der überschaubaren Reihe der Hölderlin-Porträts, die zu seinen Lebzeiten entstanden, ragt das Pastellbild heraus, ist weit berühmter als der, der es malte: Franz Carl Hiemer. Wieviel er wohl frei interpretiert, gar geschönt haben mochte?

Die Bekanntschaft des zwei Jahre älteren Hiemer mit Hölderlin rührt noch aus Maulbronner Schulzeiten her, in Tübingen verkehren sie mit denselben Leuten, unter ihnen Hegel und Schelling. Beide führen sie ein unstetes Leben.

Das Malen lernt der in Rottenacker geborene Hiemer in der Stuttgarter ›Hohen Karlsschule‹. Mit zehn Jahren von Herzog Karl Eugen persönlich – »ohne Kostgeld« – dort aufgenommen, fühlt sich der aus einfachen Verhältnissen stammende Junge offenkundig unwohl unter den Söhnen angesehener Familien (mit 16 Jahren büxt er aus, um dann allzu bald wieder eingehegt zu werden). Er wünscht sich, Schauspieler zu werden, ein Beruf, der beim um seine Ehrbarkeit besorgten Vater auf wenig Gegenliebe stößt. Nach dessen Tod allerdings wagt der Sohn den Sprung auf die Theaterbretter und tritt immerhin zwei Jahre lang in Stuttgart als Hofschauspieler auf. Neben dem Malen geht er weiteren künstlerischen Interessen nach, bewegt sich mit Carl Maria von Weber in einem Künstlerkreis, der sich ›Faust’s Höllenfahrt‹ getauft hat. Für einige Opern Webers schreibt Hiemer Texte; er übersetzt Schauspiele und Opern aus dem Italienischen und Französischen ins Deutsche und er dichtet für Kinder.

Wie Hölderlin kann sich Hiemer nicht mit der Schriftstellerei allein finanzieren; er muss sich mit anderen Tätigkeiten den Lebensunterhalt verdienen, in Calwer und Heilbronner Industriekontoren, als Regierungsbeamter und wohl auch als Offizier: Das legt ein Eintrag in den Dokumenten des Württembergischen Infanterieregiments unter seinem Namen nahe. Dass sein Nachlass am Ende dennoch nicht üppig ausfällt, verrät ein Brief von Hiemers Bruder an die Schwester, der er seinen Anteil vom Erbe überlässt: Er wünsche um ihretwillen »daß es mehr seyn möchte«.

Auf ›Fausts Höllenfahrt‹ geht es übrigens mit dem oberschwäbischen Liedermacher Michael Skuppin. Wer ihn begleiten möchte, kommt Ende August ins Heimatmuseum ›Wirtles Haus‹ in Rottenacker am Rande der Schwäbischen Alb. Im Rottenackerschen Heimatmuseum kann man Hiemer begegnen und sich ein Bild davon machen, wie es war, zu seiner Zeit dort zu leben.

Das Heimatmuseum ›Wirtles Haus‹ in Rottenacker widmet sich im Obergeschoss u. a. Hiemer und den Lebensumständen seiner Zeit.

Das Heimatmuseum ›Wirtles Haus‹ in Rottenacker widmet sich im Obergeschoss u. a. Hiemer und den Lebensumständen seiner Zeit.

Friedrich Hölderlin. Pastell von Franz Karl Hiemer, vermutlich 1792, DLA Marbach.

Friedrich Hölderlin. Pastell von Franz Karl Hiemer, vermutlich 1792, DLA Marbach.

Franz Karl Hiemer. Ölgemälde von Johann Baptist Seele, 1807, DLA Marbach.

Franz Karl Hiemer. Ölgemälde von Johann Baptist Seele, 1807, DLA Marbach.