10.09.2020

Hölderlin auf Arabisch

Das arabisch-deutschen Literaturkollektiv ›Unsichtbare Stadt / مدينة غير مرئية ‹ hat ein Jahr lang Hölderlins Gedichte gelesen, sie übersetzt und auf die ihnen eingeschriebene Mehrsprachigkeit hin befragt. Dabei ist es auf einen orientalischen Hölderlin gestoßen. Zum Gegenstand einer besonders intensiven Lektüre wurde das Gedicht ›Lebensalter‹, in dem der Dichter zuerst die Ruinen des antiken Palmyra (arabisch: Tadmor, سجن تدمر) besingt, um dann ein Asyl unter Wolken und »wohleingerichteten Eichen« zu beklagen:

Lebensalter
Ihr Städte des Euphrats!
Ihr Gassen von Palmyra!
Ihr Säulenwälder in der Eb´ne der Wüste,
Was seid ihr?
Euch hat die Kronen,
Dieweil ihr über die Gränze
Der Othmenden seid gegangen,
Von Himmlischen der Rauchdampf und
Hinweg das Feuer genommen;
Jezt aber siz´ ich unter Wolken (deren
Ein jedes eine Ruh´ hat eigen) unter
Wohleingerichteten Eichen, auf
Der Heide des Rehs, und fremd 
Erscheinen und gestorben mir 
Der Seeligen Geister. 

Das Kollektiv hat seine Übertragung ins Arabische dem in Paris lebenden Schriftsteller Mustafa Khalifa zukommen lassen, der die Ruinenstadt Palmyra aus einer ganz anderen Perspektive kennt: Als Ort eines der grausamsten Gefängnisse des Regimes von Hafez Al-Assad. Mustafa Khalifa, 1948 geboren und in Aleppo in Syrien aufgewachsen, engagierte sich schon früh politisch gegen das Regime von Hafez al-Assad und wurde mehrfach verhaftet. Fast vierzehn Jahre verbrachte er in syrischen Gefängnissen. Als er 1994 freikam, dauerte es weitere vierzehn Jahre, bis er seine Erfahrungen zu einem Roman verarbeiten konnte: ›Das Schneckenhaus. Tagebuch eines Voyeurs‹ erschien 2007 im Original und wurde seither in viele Sprachen übersetzt, zuletzt 2019 von Larissa Bender ins Deutsche (Weidle Verlag).

Mustafa Khalifas Lektüre des ihm bislang unbekannten Gedichts ›Lebensalter‹ führt zunächst in die Rezeption des Dichters in der arabischsprachigen Welt ein und bringt dann – Hölderlins eigener Poetologie gemäß – »die Zeiten untereinander«: die Antike, eine unschuldige Schulreise zu den Ruinen und den späteren Gefängnisaufenthalt im Vernichtungslager Tadmor:

Das Literaturkollektiv hat die arabische Fassung dann wieder ins Deutsche zurückübersetzt:

O Euphrat
O Palmyra
O euphratische Städte
O palmyrische Gassen
O tadmorische Gassen
Atlal Ruinen in allen Ecken der Wüste
zersprengt durcheinander geschmissen
O Ruinen (einstige Wüsteneien)
O Ihr in die Wüste versprengten verlassenen Orte meiner Vergangenheit in der Wüste
Oh oder Ah wüsste ich nur wer ihr seid
Die Kronen haben Euch gestohlen
das Heiligtum des Rauchs und Feuer gestohlen
während ihr die Grenze der Seele überquert
Jetzt aber sitze ich unter den Wolken
und ich sitze unter den Wolken, die von denen
jede eine eigene Ruhe jede Wolke ihren eigenen Frieden hat
unter den Eichen die auf besondere Art und Weise gehoben
akkurat dekoriert sind, unter den gut sortierten Eichen
auf der Wiese des Rehs und schweben, leuchten, nein, leuchten nicht,
die Geister schweben fremd und tot.
Fremd und tot ist die Weise, in der sie erscheinen, die Geister, für mich.

Gibt es auch einen syrischen Hölderlin? Einen Hölderlin der Turmstraße? Den Hölderlin eines nächsten arabischen Frühlings, der noch kommen wird? Diesen und anderen Fragen geht die ›Unsichtbare Stadt / مدينة غير مرئية ‹ am 12. September 2020 bei einem Hölderlin-Gastmahl im Literarischen Colloquium nach.

Mustafa Khalifa © A. Abdelwahab

Mustafa Khalifa © A. Abdelwahab

Am Samstag in Berlin: Silent Choir © Jung In Kim

Am Samstag in Berlin: Silent Choir © Jung In Kim