14.09.2020

Was 1770 noch so geschah (3) | Rheinbegradiger Tulla wurde geboren

Im Geschichtsunterricht spielt es keine große Rolle, das Jahr, in dem Hölderlin, Beethoven, Hegel (und Friedrich Wilhelm III. von Preußen) geboren wurden. Was geschah in Politik, Gesellschaft und im Geistesleben, was bewegte den Alltag der Menschen zu dieser Zeit? In loser Folge beleuchtet diese Serie verschiedenste Kontexte aus dem Jahr 1770.

In die Reihe bedeutender Persönlichkeiten, die 1770 geboren wurden, gehört noch Johann Gottfried Tulla, nach dem vor allem im Badischen zahlreiche Straßen, Plätze und Schulen benannt sind. Bemerkenswert und bislang unbemerkt: Er wurde am 20. März 1770, also am gleichen Tag wie Friedrich Hölderlin geboren.

Tulla war nach einer umfangreichen Ausbildung auf Staatskosten seit 1797 als Ingenieur im badischen Staatsdienst für Wasser- und Straßenbau zuständig und hat zahlreiche (auch nicht nach ihm benannte) Straßen errichtet, die Landesvermessung und Kartierung nennenswert vorangebracht und in Karlsruhe eine Ingenieursschule mit gegründet, aus der später die Universität (heute das KIT) hervorging. Fünf Jahre bevor 1804 erstmals ein Dampfschiff vorgestellt wurde, hatte Tulla eigene Pläne zu einem solchen Projekt entwickelt, die leider verlorengegangen sind und somit nicht mehr beurteilen lassen, ob nicht Tulla der eigentliche Erfinder des Dampfschiffs war.

Als derjenige Ingenieur, der die Pläne für die geradlinige und einheitliche Einbettung des Oberrheins entwickelt hat, wird er heute eher als Naturzerstörer angesehen. Aus historischer Perspektive bestand allerdings durchaus Interesse daran, den Strom zu begradigen: Bis ins frühe 19. Jahrhundert floss der Rhein nicht durch ein festgelegtes Bett, sondern mäanderte mit sehr unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten durch unzählige Rinnen zwischen Kies- und Sandbänken. Mit den breiten Auwäldern an beiden Uferseiten bildete der Rhein eine Landschaft, die sich drei bis vier, bei Hochwasser sogar bis zu zwölf Kilometer ausdehnte. Nach jedem Hochwasser veränderten sich Anzahl und Orte der Inseln, wodurch sich die Fahrrinne verlagerte. Der fruchtbare Boden des Umlands war dann auch fortgeschwemmt.

Eine Begradigung würde den Rhein besser schiffbar machen, Ländereien entsumpfen, bestehende Siedlungsflächen vor Überflutungen schützen und damit grassierende Krankheiten zurückdrängen. Tulla bedenkt in seinen theoretischen Abhandlungen auch finanzielle, klimatische und sicherheitstechnische Auswirkungen eines Eingriffs in die Rheinlandschaft. An früheren Beispielen (Arbeiten am Walensee, an der Murg und am Neckar bei Mannheim) demonstrierte er die Erfolge solcher Maßnahmen; eigene Erfahrungen an den Flüssen Kienzig, Wiese und Linth prädestinierten Tulla zum Experten für das Projekt. 1809 legte er seine ersten Pläne vor, mit denen der verästelte und mäandernde Strom auf ein Hauptbett konzentriert werden sollte. Dafür wurden die Nebenarme abgeschnitten, die Schlingen durchstochen und Kanäle ausgehoben, in denen sich der Rhein aus eigener Kraft vertiefen sollte. Außerdem wurden links und rechts des Flusslaufs Dämme errichtet.

Auch damals regte sich starker Widerstand in der ländlichen Bevölkerung, weil viele Wälder abgeholzt werden mussten und Bauern und Fischer die wirtschaftlichen Folgen des Eingriffs fürchteten. An mancher Stelle wurden die Pläne mit Waffengewalt durchgesetzt. Sie erlangten erst allgemeine Akzeptanz, als einige Jahre nach Beginn der Arbeiten die ersten begradigten Gebiete wie geplant vom Hochwasser verschont blieben. Auch die politische Gliederung des vom Rhein durchflossenen Gebiets sowie die unterschiedlichen Maßsysteme bis 1810 erschwerten die Planungen und Vorarbeiten des Projekts.

Die Bauarbeiten verkürzten den Rhein um 81 Kilometer und dauerten bis 1876, also weit nach Tullas (und Hölderlins) Tod. Je nachdem, welcher Quelle man folgt, starb Tulla nach zahlreichen Operationen an Blasensteinen oder aber an Malaria, übertragen durch Stechmücken bei den Rheinarbeiten. Das wäre natürlich der tragischere Tod, an einem der Aspekte zu sterben, die man mit seinem Lebenswerk zu beheben trachtet.

Für die Hölderlinrezeption resultiert nicht ganz unwesentlich daraus, dass der Rhein, der Hölderlin 1801 zu seiner gleichnamigen Hymne inspirierte, ein völlig anderer war als der, den wir heute kennen.

Robert Kühne
Projektassistent Hölderlin2020

Für die Bereitstellung des Bildmaterials danken wir herzlich den Kolleg*innen vom Karlsruher Institut für Technologie, vom Kunstmuseum Basel sowie vom Generallandesarchiv Karlsruhe.

→ Was 1770 noch so geschah | (1) James Cook in Australien | (2) Pockenepidemie in Kopenhagen | (4) Gründung der Hohen Karlsschule in Stuttgart


 

Johann Gottfried Tulla: Büste im Foyer des Alten Bauingenieurgebäudes (Gebäude 10.81), Foto: Amadeus Bramsiepe © Karlsruher Institut für Technologie

Johann Gottfried Tulla: Büste im Foyer des Alten Bauingenieurgebäudes (Gebäude 10.81), Foto: Amadeus Bramsiepe © Karlsruher Institut für Technologie

Peter Birmanns um 1819 datiertes Gemälde »Blick vom Isteinerklotz rheinaufwärts gegen Basel« zeigt gut, wie der Rhein vor seiner Begradigung durch eine weite Auenlandschaft mäanderte. (Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler)

Peter Birmanns um 1819 datiertes Gemälde »Blick vom Isteinerklotz rheinaufwärts gegen Basel« zeigt gut, wie der Rhein vor seiner Begradigung durch eine weite Auenlandschaft mäanderte. (Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler)

»Hydrographische Charte vom Lauf des Rheins von Neuburg bis Sondernheim, die im Jahr 1817 angefangene Rectification desselben enthaltend«, Steindruck, C. F. Müller in Karlsruhe 1825, Generallandesarchiv Karlsruhe, Signatur: H Rheinstrom 72.

»Hydrographische Charte vom Lauf des Rheins von Neuburg bis Sondernheim, die im Jahr 1817 angefangene Rectification desselben enthaltend«, Steindruck, C. F. Müller in Karlsruhe 1825, Generallandesarchiv Karlsruhe, Signatur: H Rheinstrom 72.