21.01.2021

Arbeiten der Preisträger*innen im Essaywettbewerb (1/2)

Der 15. Deutsch-Essay-Wettbewerb der Berkenkamp-Stiftung in Nordrhein-Westfalen stand 2020 im Zeichen Friedrich Hölderlins. Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe konnten aus drei Themen wählen. Hier einige Auszüge aus den prämierten Einsendungen zum Thema Nr. 1: »Es ist nichts so klein und wenig, woran man sich nicht begeistern könnte.« (›Hyperion‹):

Vielleicht flüchtet die Freude in solche Details, da das Große im Gegensatz zum Kleinen berechenbar, rational und für Begeisterung prädestiniert ist. Was ist schon an genuiner Begeisterung in einem Ziel, dessen Begeisterungspotential rational und vorhersehbar ist? Das Kleine, phänomenologisch betrachtet, als unerwartetes, überraschendes Detail befähigt das Gemüt, eine unkalkulierbare Begeisterung daraus zu schöpfen. Das Große dahingegen, phänomenologisch betrachtet, ist zumeist das Offensichtliche, Vorhersehbare, jedem zugängliche und Öffentliche. […] Die stereotype Konzeption des ›kleinen Glücks‹, das Zwitschern des Vogels, ist so einleuchtend, weil die empfundene Freude bedingungslos und unvorhersehbar ist. Der Vogel zwitschert nicht für mich, und dennoch empfinde ich Freude in der Wahrnehmung des Zwitscherns, nicht etwa in der Erfüllung einer Erwartung. Das bedingungslose Zwitschern des Vogels ist in dem Maße ein Kompliment an das Bewusstsein des Menschen, in dem der unnötige, unerwartete Schmerz, der z. B. beim Stoß des Zehs aufflammt, eine Beleidigung an das Bewusstsein darstellt.

Gilbert Jung
Gymnasium Maria Königin Lennestadt


[W]enn man darüber nachdenkt, fällt einem doch auf, dass man immer auf die großen Ereignisse im Leben wartet, um glücklich zu sein, wie Weihnachten, der erste Freund, die Hochzeit oder eine Beförderung. Das sind die Erlebnisse, von denen wir denken, dass es die einzigen sind, die wir nicht vergessen, die uns in Erinnerung bleiben. Aus diesem Grund sind wir so enttäuscht, wenn diese Augenblicke, auf die wir warten und über die wir unser Glück definieren, nicht eintreten. Dabei vergessen wir die vielen kleinen Momente oder Dinge, die uns in der Vergangenheit glücklich gemacht haben. Diese Augenblicke, in denen wir uns wirklich für etwas begeistern können, auch wenn es nicht immer andauert, sind es, nach denen wir streben sollten. Die wir viel mehr schätzen und wahrnehmen sollten. Ein Buch, das uns nicht mehr loslässt, ein Lied, zu dem wir tanzen wollen, ein winziger Moment des Glücks, den wir einfach als unwichtig abtun und nicht wahrnehmen.
Würden wir diesen kleinen Momenten mehr Aufmerksamkeit schenken, uns mehr Zeit für solche Situationen nehmen, wäre unser Leben glücklicher. [...] Denn darum geht es, wir müssen uns erlauben, uns zu begeistern.

Merle Siebers
Gesamtschule Mittelkreis Goch


Es gibt viele Dinge, die wir nicht allein beherrschen können. Unsere Begeisterung gehört jedoch nicht dazu. Wir müssen uns nur aufraffen, uns ihrer bewusst werden. Wir müssen uns als Erwachsene noch kindlicher Freude hingeben. Wir müssen dem Unscheinbaren unsere Aufmerksamkeit schenken, genauer hinschauen und im reißenden Fluss unseres Alltags auch mal daran festhalten. Und was wir müssen, das können wir, wenn wir es nur wollen. Hölderlin wäre Kants Meinung, behaupte ich guten Gewissens. Begeisterung kostet uns nichts, ist trotzdem kostbar und bereichert den Menschen. Wer aus der Perspektive eines Kindes in die Welt blickt, ungeachtet des eigenen Alters, der muss nie fürchten, die Freude an seiner Umwelt aus den Augen zu verlieren. Wer sich heute noch begeistern kann für Klein und Groß, wer allem seine Bedeutung und seinen Wert zugesteht, der führt ein wirklich erfülltes Leben. Mensch, mach die Augen auf; die Welt ist ein großartiger Ort. Denn es ist wahrlich nichts so klein und wenig, dass man sich nicht daran begeistern könnte.

Leonie Falkowski
Gymnasium Odenkirchen Mönchengladbach