Hölderlin-Orte

Maulbronn

© Barbara Klemm

© Barbara Klemm

Maulbronn

Als Hölderlin im Oktober 1786 von der niederen Klosterschule Denkendorf in das »hiesige höhere Closter promivirt« wurde, litt er am Internatsleben und fand kaum Zugang zu seinen Kommilitonen. Er musste um seine »besten Absichten Palisaden setzen« und hatte sich »manchmal schon lieber an jeden andern Ort gewünscht als unter Menschengesellschaften«. Zu Hölderlins Zeit sah man die alten steinernen Klosterbauten als Zeichen eines kalten, unbequemen Lebens und nicht in ihrer architektonischen Schönheit. Hinzu kam, dass der Schulbetrieb durch die ›Württembergische Kirchenordnung‹ und die herzoglichen Verfügungen strengstens reglementiert war. Das Curriculum aber, das man in den Klosterschulen lehrte, kam Hölderlin sehr entgegen, zumal ihm dadurch die klassischen griechischen Autoren vertraut wurden. In seinen oft bedrückenden Maulbronner Tagen unternahm er seine ersten literarischen Gehversuche. Er experimentierte bereits mit antiken Versmaßen und wählte sich in dem Gedicht ›Mein Vorsaz‹ mit Klopstock und Pindar zwei der schwierigsten und ambitioniertesten Dichter zu Vorbildern. Bald nach seiner Ankunft in Maulbronn verliebte sich Hölderlin in Louise Nast, eine der Töchter des Klosterverwalters, die er im Gedicht zur ›Stella‹ stilisierte. Louises Cousin, Immanuel Nast aus Leonberg, wurde in der Maulbronner Zeit Hölderlins wichtigster Vertrauter. Als einziger der Jugendfreunde wird er den Zurückgezogenen später im Tübinger Turm besuchen.

Hölderlins erste größere Reise führte ihn im Juni 1788 von Maulbronn aus nach Heidelberg und nach Oggersheim, wo er in jenes Wirtshaus einkehrte, in dem der später von ihm hochverehrte Schiller nach seiner Flucht aus Württemberg übernachtete. Er sah auch erstmals – tief beeindruckt – den Rhein und besuchte in Speyer den Kaiserdom. Als Hölderlin 1788 an das Tübinger Stift zum Theologiestudium versetzt wurde, stand in seinem Maulbronner Abschlusszeugnis für das Fach Poesie die Note »vorzüglich«.

Weitere Informationen zu Hölderlin2020 finden Sie auf der Webseite der Stadt Maulbronn.

 

Veranstaltungen

Kloster Maulbronn von Westen mit dem einstigen Gartensee im Vordergrund. Titelblatt des Stammbuchs von Christian Friedrich Hiller (1769 – 1817). Deckmalerei, 1788 (WLB Stuttgart)

Kloster Maulbronn von Westen mit dem einstigen Gartensee im Vordergrund. Titelblatt des Stammbuchs von Christian Friedrich Hiller (1769 – 1817). Deckmalerei, 1788 (WLB Stuttgart)

Brunnenkapelle im Kreuzgang. Der Fachwerkaufbau wurde 1611 für die Klosterschule hinzugefügt und war auch zu Hölderlins Zeit ein Unterrichtsraum. © Martin Ehlers / Stadt Maulbronn

Brunnenkapelle im Kreuzgang. Der Fachwerkaufbau wurde 1611 für die Klosterschule hinzugefügt und war auch zu Hölderlins Zeit ein Unterrichtsraum. © Martin Ehlers / Stadt Maulbronn

Friedrich Hölderlin. Getuschter Schattenriss im Stammbuch von Christian Friedrich Hiller, 1788 (WLB Stuttgart)

Friedrich Hölderlin. Getuschter Schattenriss im Stammbuch von Christian Friedrich Hiller, 1788 (WLB Stuttgart)